Heute vor einem Jahr, am 15. September 2025 kurz nach Mitternacht, ist mein Zwillingsbruder Andreas verstorben. Von seinem Tod erfahren habe ich erst zwei Wochen später. Eine Person, die eine Zeit lang eng mit ihm verbunden gewesen war und mich flüchtig kannte, kondolierte mir online. Ich fiel aus allen Wolken, obwohl es etwas war, mit dem ich schon seit vielen Jahren gerechnet hatte.
Mein Bruder war bereits als Teenager in den Drogensumpf geraten und hatte sich von Jahr zu Jahr mehr von unserer Familie und von mir entfernt. Ich wusste oft monatelang nicht, wo er war oder wie es ihm ging, bis er sich dann eines Tages wieder meldete, für eine Weile mit mir in Kontakt stand und plötzlich wieder wie vom Erdboden verschluckt war. Im Laufe der Zeit lernte ich, damit umzugehen, auch wenn das nicht immer einfach war.
Obwohl das Damoklesschwert einer möglichen Todesnachricht bereits seit Jahrzehnten immer wieder über mir schwebte, traf mich die Nachricht über seinen frühen Tod trotzdem wie ein Blitzschlag. Und ohne unsere Schwester, die knapp 15 Jahre jünger ist als wir, hätte ich vieles von dem, was danach folgte und erledigt werden musste, nicht geschafft.
Ein Leben voller Verluste, Trennungen und Trauer, die sich nicht ausdrücken durfte
Mein Bruder und ich mussten schon von frühen Kindesbeinen an lernen, mit Verlust und Trennung umzugehen. Besonders prägend war unsere räumliche Trennung im Alter von nur 8 Jahren. Als wir 12 Jahre alt waren, verloren wir viel zu früh unsere geliebte kroatische Großmutter. 9 Jahre später starb unser Vater – er wurde nur 45 Jahre alt.
Jeder dieser Einschnitte hatte uns immer wieder den Boden unter den Füßen weggezogen und jeder von uns ging anders damit um. Aber eins hat uns wohl bis zu seinem Tod geeint: Vieles von unserem frühen Erleben hatten wir in uns weggesperrt – und jahrzehntelang war da Trauer in uns, die nicht ausgedrückt und verarbeitet werden konnte.
Wochenlang in einer trauerfreien Zone
Die ersten paar Wochen nach der Todesnachricht eines nahestehenden Menschen sind die schwierigsten, hört und sagt man. Bei mir war das nicht ganz so der Fall.
Eines Abends nämlich – zwei Tage nach der Todesnachricht – tauchte aus heiterem Himmel eine noch sehr junge Katze bei uns im Garten auf. Sie miaute bitterlich und wirkte hilflos. Ab der Sekunde, in der ich sie ansprach, war ich ihre Freundin. Egal, wohin ich auch ging, sie blieb in meiner Nähe und entfernte sich keinen Meter mehr weg von mir. Also nahm ich sie letztlich mit ins Haus, als es Nacht wurde.
7 Wochen lang gab ich der süßen kleinen Maus ein Zuhause.
Ich schenkte ihr Fürsorge und Aufmerksamkeit und bekam mindestens genauso viel von ihr zurück.
Mit ihr befand ich mich in einer Art trauerfreien Zone, denn für Ablenkung, Spiel, Spaß und Action sorgte sie den ganzen Tag – und oft auch in der Nacht.
49 Tage lebte der süße Katz-Fratz bei mir, dann zog sie weiter zu einer tollen, liebevollen, jungen Familie in unserem Ort.
Die kleine Katze hatte mir geholfen, durch die ersten Wochen zu kommen, das steht außer Frage.
Es ging mir in der Zeit mit ihr wirklich so gut, dass ich sogar zu dem Schluss kam, dass sie ein Geschenk des Himmels war und die Hilfe schlechthin, in dieser kurzen Zeit meine Trauer zu verarbeiten.
Was für ein Trugschluss!
Zwischen Trauer und dem Leben
Was bei mir danach kam, war aber kein großer Zusammenbruch und auch keine monatelange Phase, in der ich morgens nicht mehr aus dem Bett kam (wiewohl ich tatsächlich monatelang das Haus so gut wie gar nicht verließ).
Vielmehr waren es enorme, emotionale Wellen, die an manchen Tagen – das muss ich ehrlich zugeben – über mich hereinbrachen wie ein Tsunami.
Aber es gab auch Tage und Wochen, an denen ich weiter an meinen Comics und Texten arbeitete. Ich hatte immer wieder gute, energiegeladene und produktive Tage.
Mein Leben ging – könnte man sagen – normal weiter.
Doch dann gab es eben auch diese Tage, an denen …
🔶 plötzlich eine bleierne Schwere da war und ich außer müde nur müde war, obwohl ich eigentlich genug geschlafen hatte.
🔶 schon eine kleine Aufgabe oder eine winzige Herausforderung mein System zum Kollabieren brachte.
🔶 meine Gedanken schwer waren oder mein Kopf so dermaßen vernebelt, dass ich mich auf nichts konzentrieren konnte.
Wenn man die Trauer nicht als Trauer erkennt
Vieles von dem, was mir widerfuhr und wie es mir an diesen speziellen Tagen ging, brachte ich lange überhaupt gar nicht mit Trauer in Verbindung.
Plötzlich lagen da nämlich wieder alte Themen auf dem Tisch, von denen ich überzeugt gewesen war, sie längst aufgearbeitet zu haben:
Verluste, Trennungen, Verletzungen und Fragen, die weit vor dem Tod meines Bruders entstanden waren.
Und natürlich machte ich an solchen Tag das, was ich richtig gut kann:
Ich analysierte und suchte nach Zusammenhängen.
Ich wollte verstehen, verändern und mich in den Griff kriegen, um möglichst schnell wieder in jenen Zustand zurückkehren, in dem ich wie gewohnt wie ein Uhrwerk funktionierte.
Bis mir eines Tages klar wurde, dass vielleicht genau das meine Tsunamis auslöste:
Ich wollte mir nicht eingestehen, dass ich gerade trauerte.
Ich ließ die Trauer schlicht und ergreifend nicht zu.
Trauer muss nicht bewältigt werden
Wenn man nach Lektüre sucht, die einem erklärt, wie man am besten mit Trauer umgeht, stößt man oft auf das Wort „Trauerbewältigung“.
Basierend auf meiner jüngst zurückliegenden Erfahrung möchte ich aber behaupten, dass Trauer nicht bewältigt werden muss.
(Irgendwie klingt das Wort „Trauerbewältigung“ ja fast schon brutal und das Wörtchen „muss“ spielt sowieso in seiner eigenen Liga.)
Manchmal bedeutet Trauer eben einfach, hundemüde zu sein und den Weg aus dem Bett schwer zu finden (wenn überhaupt).
Dann kommen mitunter plötzlich Tränen, von denen man gar nicht sagen kann, warum sie jetzt gerade da sind oder was der Auslöser war.
Und sie können überall kommen: beim Fahren im Auto auf der Autobahn, bei einem Tag der offenen Tür im Atelier einer Künstlerfreundin oder mitten im Geschäft, wenn man gerade nach einem Bund Bananen greift.
Bei mir schmerzte sogar in der einen oder anderen tiefgehenden Trauerphase mein ganzer Körper – von Kopf bis Fuß.
Das hat mir persönlich deutlich vor Augen geführt, wie eng mein körperliches und emotionales Erleben miteinander verbunden sind und wie intensiv sich dieses Zusammenspiel äußern kann.
Sich dafür, wie es einem gerade geht, nicht zu verurteilen, sich nicht mit Selbstvorwürfen zu quälen und sich nicht dazu zu zwingen, doch jetzt gleich – oder wenigstens bald wieder – funktionstüchtig, freudvoll und energiegeladen zu sein: Das ist für mich „gewalt- und druckfreie Trauerbewältigung“.
Wahrnehmen statt Wegdrücken
Wenn man ehrlich damit aufhört, Trauer als etwas zu betrachten, das man möglichst erfolgreich „bewältigen“ sollte, hört das Kämpfen um ein Leben ohne schweres Herz und Tränenbächen auf.
Trauer wird nicht verarbeitet oder verschwindet, indem man sie ignoriert, wegdrückt oder mit Arbeit, Ablenkung, Funktionieren oder den wohlbekannten „Reiß dich doch z’samm“-Parolen überdeckt.
Was Trauer wirklich will:
Sie will – es klingt so simpel und fühlt sich doch oft so schwer an – wahrgenommen werden und fließen dürfen.
Und manchmal tut es gut, wenn man in solchen Momenten Menschen an seiner Seite hat, die einfach da sind, um gemeinsam zu weinen oder auch, um mitten in der Trauer gemeinsam zu lachen – ohne Urteil und ohne Bewertung.
Manchmal aber tut es auch gut, wenn man einfach nur alleine ist, sich die Decke über den Kopf zieht und heult, bis für den Moment keine Tränen mehr fließen wollen.
Ein Jahr, das mich echt viel gelehrt hat
Heute also ist mein Zwillingsbruder zum ersten Mal einen gesamten Jahreszyklus nicht mehr hier auf Erden.
Ich vermisse ihn, jeden Tag aufs Neue.
Vielleicht muss ich heute angesichts dieses Jahrestages wieder mehr weinen als in den vergangenen Tagen.
Möglicherweise verkrieche ich mich heute mal wieder lieber im Haus.
Eventuell aber verbringe ich den Tag außer Haus und treffe mich spontan mit Freunden oder Familienmitgliedern.
Ich weiß demnach nicht, wie es mir heute gehen wird und was ich machen werde.
Das ist aber auch nicht wichtig.
Wichtig ist, die Trauer dann zuzulassen, wenn sie da ist – ohne Selbstvorwürfe, ohne Urteil, ohne Bewertung.
Und ich sag dir noch was, was dir vielleicht komisch vorkommen wird:
Ich danke meinem Zwilling Andreas für das Geschenk, das er mir durch seinen Tod gemacht hat.
Ohne sein frühes Dahinscheiden hätte ich nicht erlebt, was ich im vergangenen Jahr erlebt habe.
Ich hätte auch niemals in dieser Tiefe die Erfahrung gemacht, was echte Trauer sichtbar macht, was man alles von ihr lernen und wie tief man heilen kann, wenn man den Schmerz zulässt und sich selbst erlaubt, zu trauern.
Nicht nur dafür liebe ich ihn – auf ewig.
Von Herzen 💕
Alexandra
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Über mich:
Mein Name ist Alexandra Glander – ich bin psychosoziale Beraterin, Supervisorin & Trainerin, Künstlerin und Autorin.
In meiner Praxis in Lichtenwörth (Bezirk Wiener Neustadt) begleite ich vorwiegend selbstständige Frauen, weibliche Führungskräfte und Macherinnen durch tiefgreifende, existenzielle Umbrüche. Gerade Macherinnen und starke Frauen sind es gewohnt, alles selbst zu tragen und ihren eigenen Weg zu finden, aber das muss nicht sein.
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