Schmerz ist Schmerz: Wenn Verlust auch ohne Sterbefall Trauer auslöst

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Im vergangenen Monat habe ich hier sehr persönliche Zeilen über das erste Jahr ohne meinen Zwillingsbruder geteilt. Die vielen berührenden Rückmeldungen haben mich tief bewegt. Aber noch etwas hat mich berührt: In den Gesprächen danach blitzte nämlich etwas immer wieder auf – mal laut ausgesprochen, mal leise zwischen den Zeilen:

„Ich fühle mich gerade auch so schwer und leer. Aber bei mir ist niemand gestorben. Nur als ich deinen Text gelesen habe, hatte ich das Gefühl, dass da vielleicht bei mir auch sowas wie eine Trauer ist. Aber warum fühle ich so, wenn doch niemand aus meinem nahen Umfeld verstorben ist?“

Dass Trauer nur da sein darf, wenn eine Todesnachricht eines nahestehenden Menschen uns trifft, ist ein falsch erlerntes Denkmuster.

Die meisten von uns haben nämlich gelernt, dass Trauer exklusiv für den Tod reserviert ist – und das hat sich in unserem Gehirn so festgesetzt.
Doch dein Nervensystem kann nicht unbedingt zwischen dem biologischen Tod und dem emotionalen Tod unterscheiden, denn Schmerz ist Schmerz.

Die vielfältigen Masken der unerkannten Trauer

Trauer ist die natürliche Antwort unserer Seele auf jede Form von tiefgreifendem Verlust.
Und solche schmerzhaften Erfahrungen machen wir weit öfter in unserem Leben als uns bewusst ist.

Trauer kann uns immer dann übermannen, wenn wir einen Lebensentwurf oder Lebenstraum loslassen müssen – sei es durch natürliche Umstände, eigene Entscheidungen oder äußere Einflüsse.

Ich nenne dir mal ein paar Beispiele:

🔶 Der verlorene Job: Eine berufliche Veränderung wirft dich aus der Bahn. Plötzlich fehlt die gewohnte Struktur, die Identität, die berufliche Rolle, das altbekannte Umfeld.
🔶 Das leere Nest: Die Kinder sind flügge geworden, das Haus ist still. Du solltest dich eigentlich für sie freuen, aber da ist diese bleierne Leere am Esszimmertisch und die Stille im Wohnzimmer.
🔶 Die zerbrochene Illusion: Du hattest eine Idee von Ehe oder Freundschaft und stehst plötzlich vor einem Scherbenhaufen. Oder du musst dir eines Tages eingestehen, dass ein lang gehegter Wunsch, ein lang ersehnter Traum nicht mehr Realität werden kann.
🔶 Der gesundheitliche Einschnitt: Wenn der Körper signalisiert, dass manche Dinge nie wieder so sein werden wie früher (zum Beispiel nach einer schweren Erkrankung, einem Unfall oder einer lebensnotwendigen Operation), kann das Leben nicht mehr in altbekannter Manier gelebt werden.

Aber auch positive Ereignisse können unter Umständen Trauer auslösen, zum Beispiel:

🔶 Die Geburt eines Kindes: Das bis dahin gewohnte Leben verändert sich massiv und nicht jede Frau – und auch nicht jeder Mann – kann locker-flockig das eigene Nervensystem dahingehend programmieren, dass ab jetzt alles anders ist.
🔶 Die ersehnte Traumhochzeit: Hochzeiten sind Feste der Liebe und der Freude, doch auch sie bedeuten oft große Einschnitte im Leben.
🔶 Die neue Ausbildung / der neue Job: Eine berufliche Neuausrichtung (sei es durch eine Ausbildung oder eine neue Arbeitsstelle) klingt durchaus positiv, doch auch hier gibt es oft zahlreiche Veränderungen (vielleicht sogar verbunden mit einem Umzug) und das kann ebenso zu der einen oder anderen Trauer führen.

Der Kampf des Verstandes (oder des Jammerlappens) gegen das Gefühl

In der Zone zwischen Verstand und Gefühl ist viel Platz für – wie könnte es anders sein – den Jammerlappen.
Das ist sein Feld, das ist sein Reich.

Und je nachdem, wie du geprägt wurdest, mit Trauer umzugehen, übernimmt der eine oder andere Jammerlappen die Regie:

Der Kapitulierer ergibt sich: „Es ist, wie es ist. Ich kann ja sowieso nichts mehr ändern.“
Dem Mangelzwerg fehlt mal wieder das notwendige Werkzeug: „Andere kommen mit sowas doch auch klar. Warum krieg ausgerechnet ich das nicht hin?“
Der Querulant kritisiert dich: „Jetzt stell dich nicht so an! Reiß dich doch endlich wieder z’samm!“
Der Spielverderber grätscht gekonnt rein: „Ja, du bist traurig. Aber bitte – es ist ja niemand gestorben!“
Der Trickser findet Zuflucht in seiner Traumwelt: „Traurig? Geh bitte! Du bist einfach nur ein bissl müde und brauchst bestimmt einfach nur wieder mal Urlaub.“
Der Zauderer winkt erst mal ab: „Darum kümmern wir uns noch. Aber jetzt ist wirklich nicht der richtige Zeitpunkt.“
Der Zornbinkel gerät in Rage: „Wie lange soll der Scheiß denn noch dauern? Es reicht – pack’s weg!“

Was auch immer dir dein Jammerlappen innerlich auf den Tisch knallt:
Du packst die Trauer in eine Kiste, nagelst den Deckel zu und prokrastinierst dich mit Alibi-Aufgaben durch den Tag.
(Prokrastination ist übrigens ein Thema, zu dem ich in den kommenden Monaten noch ausführlicher hier auf meinem Blog schreiben werde).

Doch dein Körper vergisst nicht – und dein Nervensystem erst recht nicht.

Was wir wegdrücken, geflissentlich versuchen, zu ignorieren oder durch fleißiges Bienchentun überdecken wollen, kann uns irgendwann trotzdem wieder einholen – und sich körperlich oder psychisch bemerkbar machen: als Müdigkeit und Erschöpfung, als innere Anspannung oder muskuläre Verspannung, oder in einer Stimmung, die plötzlich schwerer wird, als wir sie uns erklären können.

Erlaubnis statt Selbstvorwürfe, Urteil und Bewertung

Der erste Schritt in die Heilung (oder vielleicht sogar noch einfacher: erst einmal in die Akzeptanz) ist so simpel und doch oft so schwer:
Gib dem Kind einen Namen.

Mit meiner Comicfigur gebe ich vielen Kindern einen Namen und zeige damit auf meine Art und Weise, wie unbewusste Muster und verfahrene Dynamiken dazu führen, dass wir uns immer wieder selbst ins Knie schießen, uns im Kreis drehen und nicht von der Stelle kommen.

Aber du musst dich natürlich nicht meiner Figur bedienen und sagen: „Aja, die Trauer über … zeigt sich bei mir als der Jammerlappen XY.“

Gib deinem Kind einen eigenen Namen oder schlicht und ergreifend den Satz: „Ich trauere gerade, weil …“

Mach das ohne Scham, ohne Selbstverurteilung und ohne die Bewertung dessen, ob dein gerade gefühlter Schmerz auf der imaginären Schmerzskala des Verlustes eines nahestehenden Menschen durch den Tod überhaupt eine Berechtigung hat.

Schmerz braucht keine Skala, kein Zertifikat und bestimmt auch keine Rechtfertigung.
Er ist da und will gefühlt, durchlebt und im eigenen Tempo verabschiedet werden.

Die mit einem Schmerz verbundene Trauer ist kein Zeichen von Schwäche, ganz im Gegenteil.
Sie ist der Beweis dafür, dass du zutiefst lebendig bist und den Mut hast, dich darauf einzulassen.

Schau ehrlich hin und trauere

Wenn du beim Lesen dieses Artikels bemerkt hast, dass dein Herz schwerer ist als sonst oder dass dich meine Worte wo auch immer und wie auch immer berührt haben: Schau hin!

Aber schau liebevoll hin:
Was darf und soll gerade betrauert werden, um dem Schmerz, der möglicherweise schon viel zu lange in dir verborgen ist, den Raum zu geben, den er gerade braucht, um sich zu befreien – und um damit auch Platz zu machen für etwas Neues?

Als psychosoziale Beraterin halte ich gern diesen Raum für dich.
Wenn die Umbrüche des Lebens zu stürmisch oder zu schwer für dich werden und das „Funktionieren um des Funktionierens willen“ nicht mehr zum gewünschten Ergebnis führt, bin ich da für dich. Es tut oft gut, wenn jemand einfach nur den Raum hält, damit du trauern und loslassen kannst.

Von Herzen 💕
Alexandra

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Über mich:
Mein Name ist Alexandra Glander – ich bin psychosoziale Beraterin, Supervisorin & Trainerin, Künstlerin und Autorin.

In meiner Praxis in Lichtenwörth (Bezirk Wiener Neustadt) begleite ich vorwiegend selbstständige Frauen, weibliche Führungskräfte und Macherinnen durch tiefgreifende, existenzielle Umbrüche. Gerade Macherinnen und starke Frauen sind es gewohnt, alles selbst zu tragen und ihren eigenen Weg zu finden, aber das muss nicht sein.

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