Komm schon – reiß dich doch z’samm!

Es gibt Sätze, die hören wir so oft, dass sie sich wie Wahrheit anfühlen: „Reiß dich doch z’samm!“ ist so einer. Wenn man diesen Satz um die Ohren geschmissen bekommt, während man in einer Phase steckt, die sich dunkel und schwer anfühlt – und die man oft gar nicht in Worte fassen kann –, fühlt sich das an wie ein Hohn, wie eine Klatsche ins Gesicht.

Ja, klar, dieser Satz ist von denen, die ihn aussprechen, meistens gut gemeint.
Nur mit Verlaub: In solchen Phasen ist er nicht nur kontraproduktiv, sondern absoluter Bullshit.

Denn dieses Gefühl, gerade nicht mehr funktionieren zu können, ist keine Kleinigkeit.

Es ist ein Zeichen von echter, tiefer Erschöpfung.
Es taucht dann auf, wenn das Leben zu viel geworden ist, wenn man innerlich ins Wanken geraten ist.

Und oft sieht es so aus, als gäbe es dafür überhaupt keinen klaren Auslöser, kein sichtbares Drama, keinen Jammerlappen, der die Bühne rockt. 🎤🎸🎶

Dieses Gefühl ist dann einfach nur da:
Schon am Morgen, wenn man aufsteht.
Oder mitten am Tag, während man das Essen für die Familie zubereitet oder sich auf den Weg in ein Meeting macht.
Oder am Abend, wenn der Tag endlich hinter einem liegt, man sich nur mehr die Decke über den Kopf ziehen möchte und nichts mehr denken und nichts mehr fühlen will.

Und trotzdem hallt dieser Satz nach:
„Reiß dich doch z’samm!“

Warum „Zusammenreißen“ nicht funktioniert

Dieser Satz impliziert, dass man mehr Disziplin braucht, mehr Willen – und dass man sprichwörtlich einfach nur die Zähne zusammenbeißen sollte.

Das Problem ist nur:
Die meisten Menschen, die diesen Satz hören – oder ihn sich selbst sagen –, halten und tragen längst zu viel.

🔶 Sie funktionieren.
🔶 Sie gehen arbeiten.
🔶 Sie kümmern sich.
🔶 Sie zahlen Rechnungen.
🔶 Sie sind verlässlich.
🔶 Sie sind immer verfügbar und da.

Doch das kann auf Dauer nicht funktionieren.

Es ist für einen einzelnen Menschen schlichtweg zu viel.
(Wir sind ja keine Maschinen. Und selbst wenn wir welche wären: Auch Maschinen müssen regelmäßig gewartet werden – aber das sei nur nebenbei erwähnt. 😉)

Was hier ganz bestimmt nicht fehlt, ist Wille oder Disziplin.
Was fehlt ist Regeneration.

Zusammenreißen und diszipliniert an etwas dranzubleiben hilft vielleicht kurzfristig – um durch eine Prüfung zu kommen oder einen Termin zu überstehen.

Als dauerhafte (Über-)Lebensstrategie macht es jedoch krank.

Das eigentliche Dilemma im Erwachsenenleben

Als Erwachsene gibt es kaum Übergangsräume.

Man kann nicht einfach mal drei Monate Auszeit nehmen.
(Es sei denn, du wusstest schon als Kind, dass du im Erwachsenenalter mit Sicherheit einmal Auszeiten brauchen wirst und hast dafür ein eigenes Sparguthaben angelegt. 💰 Aber ehrlich: Wer hat das schon? 🤑)

Man kann auch nicht einfach sagen, dass man jetzt innehalten und die alltäglichen Dinge beiseiteschieben muss, bis man eines Tages wieder aufersteht und – wie durch ein Wunder – mit neu gewonnener Lebensenergie verkündet: „Hurra! Ich bin wieder da. Und weiter geht’s!“ 💪🏻

Die Realität sieht oft so aus:

🔶 Du fühlst dich nicht mehr wohl in deiner Haut.
🔶 Du bemerkst vielleicht sogar, dass etwas kippt.
🔶 Du funktionierst trotzdem weiter.
🔶 Du hoffst, dass es sich irgendwann von selbst stabilisiert.
🔶 Und irgendwann ist der Kipp-Punkt erreicht – und dann geht plötzlich gar nichts mehr oder alles fühlt sich nur mehr zäh und schwer an.

Das bedeutet aber nicht, dass du schwach bist.

Es bedeutet, dass Daueranspannung kein gesunder Zustand ist.

Warum viele sich trotzdem weiter antreiben

Wir glauben, dass wir nicht einfach in den Rückzug gehen können, weil dann vielleicht …

🔶 eine hart erkämpfte Position im Unternehmen verloren gehen könnte.
🔶 der Kundenstamm, den man sich über Jahre mühsam aufgebaut hat, zu brökeln beginnen würde.
🔶 Beziehungen und Partnerschaften daran zerbrechen könnten.
🔶 Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können.

Doch das sind Hirngespinste, die daraus resultieren, dass in unserer Gesellschaft Rückzug und der achtsame Umgang mit sich selbst oft als Versagen oder Scheitern interpretiert wird, weil wir gelernt haben, unseren Wert an Leistung und Verfügbarkeit zu knüpfen.

Und das führt dazu, dass wir uns weiter – wie ein Kutscher dem Pferd – die Peitsche geben. 🐎

Im Leben bleiben – ohne sich selbst zu vergewaltigen

Das Wichtigste vorweg:
Es geht nicht darum, alles hinzuschmeißen.
Und auch nicht darum, sich monatelang aus dem Leben auszuklinken.

Im Leben zu bleiben – oder zurück ins Leben zu finden – ist kein Ergebnis von Zwang oder Disziplin.
Es geschieht, indem du den Kontakt zu dir selbst wiederherstellst: zu deinem Körper und zu den Antworten, die auftauchen, wenn du dir ehrlich die Frage stellst, was gerade möglich ist und was dich nährt, anstatt dich weiter auszuzehren.

Dein Motto in solchen Phasen sollte daher lauten:
Reduktion statt Eskalation

Und es wäre wirklich hilfreich, wenn wir alle – egal, ob wir solche Phasen selbst durchleben oder Menschen begleiten, für die der Alltag momentan eine Qual ist – damit aufhören würden, zu sagen: „Reiß dich doch z’samm!“

Wie wäre es stattdessen mit:
„Hör auf, dich anzutreiben – und fang an, dich selbst ernst zu nehmen und auf dich zu hören.“

Schlussgedanke

Zusammenreißen ist keine Lösung.
Es ist höchstens ein Notbehelf.

Was wirklich trägt, ist die Fähigkeit, rechtzeitig langsamer zu werden und achtsamer mit sich selbst umzugehen, bevor das Leben einen dazu zwingt.

Von Herzen 💕
Alexandra

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Ich bin Alexandra Glander.
Ich begleite Menschen dabei, festgefahrene Situationen zu sortieren, Zusammenhänge zu erkennen und wieder Klarheit für ihre nächsten Schritte zu gewinnen.

Viele kennen mich auch als die Erfinderin des Jammerlappen-Universums – einem Kunst- und Kreativprojekt, das menschliche Muster mit Humor und Tiefgang sichtbar macht.

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